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Statements - Blog

 

Auf dieser Seite finden Sie Stellungnahmen zu aktuellen Themen aus Kirche und Welt, zu Themen, die mir aus meiner beruflichen Tätigkeit oder aus langem Interesse besonders bekannt sind. Ich war z.B. viele Jahre in der Exekutive einer reformierten Landeskirche tätig, im Sozialwesen (Stiftung Sozialwerke Pfr. E. Sieber, Zürich) als Leiter eines Seelsorge- und Beratungszentrums, als Spitalseelsorger und in der Leitung des Aids-Spitals SUNE-EGGE, Zürich (1996-2003), habe 1971 ein halbes Jahr in Israel gelebt, wo ich nach wie vor persönliche Kontakte habe und mich seit damals laufend mit der Geschichte und den Entwicklungen in Israel und Nahost befasst, d.h. auch diese lange Zeit persönlich miterlebt und beobachtet habe.

 

Gregor Gysis Vortrag im Arbeiterstrandbad Tennwil

Veröffentlicht am 24.08.2018

Das absolut und alternativlos siegen zu wollen ist keine gute Strategie weder im Privaten noch im Politischen. Und es muss immer eine Ausnahme geben. Das waren die Hauptaussagen des Vortrags, den Gregor Gysi am 18.08.18 im AST am Fest der Solidarität gehalten hat. In der Presse ist sein stündiger Vortrag nur sehr rudimentär mit einem Bonmot über die Ausnahme Schweiz referiert worden. Aus der Erinnerung habe ich deshalb hier eine zusammenfassende Darstellung zu machen versucht. Zur Zusammenfassung geht's hier.

 

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Der Traum von einer besseren Welt

Veröffentlicht am 24.01.2018

Unter diesem Titel – und dem Obertitel „Revolution“ – brachte die „Schweiz am Wochenende“ am 13. Januar 2018 einen Artikel, welcher die Ereignisse von 1968 (Studentenproteste) und von 1918 (Landesstreik) in eine Beziehung setzte. Dazu schrieb ich folgenden Leserbrief:

Ausser dem plakativen 50-Jahr Abstand verbindet den Generalstreik von 1918, die Jugendrevolte von 1968 und das aktuelle Jahr 2018 nicht sehr viel. Als Vorläufer für 1968 wäre viel eher an das Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg zu erinnern. Damals lehnte sich die kulturelle Elite und die (akademische) Jugend gegen die lange, sehr rigide und militaristische wilhelminische und viktorianische Zeit auf, auch letztlich ziemlich erfolglos und überrollt durch die Katastrophe des 1. Weltkriegs.

Die Themen waren ähnliche wie 1968: Pazifismus, Antimilitarismus, philosophischer Anarchismus, Reformpädagogik, Sozialismus, Marxismus, Frauenrechte und Demokratieverständnis, als Jugendbewegung der „Wandervogel“ und in der Kunst nach „Jugendstil“ der Expressionismus, die Moderne, Kubismus und Anfänge des Dadaismus.

Vielleicht sollte man sich 2018 eher wieder einmal an diese Themen erinnern. Die sind trotz allem Fortschritt immer noch unerledigt.

 

Das ist die Kurzfassung. Einen längeren Aufsatz dazu habe ich unter dem Titel "Gedenkjahre 2018" verfasst. 

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Oh, Jerusalem

Veröffentlicht am 11.12.2017

Welches Jerusalem ist gemeint?

Alle Welt spricht von Jerusalem. Präsident Trump anerkenne jetzt Jerusalem als Hauptstadt Israels und wolle die Botschaft (vielleicht) von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Die palästinensischen Organisationen, die arabischen Staaten und der türkische Präsident Erdogan – nebst vielen Andern – protestieren heftig dagegen und wollen Israel dafür bestrafen. Wer versteht denn so etwas? Warum Israel bestrafen und nicht – wenn schon – die USA?

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Daten aus der Erinnerung und aus: O Jerusalem, Collins/Lapierre, Bertelsmann 1972 und den dort angegebenen Quellen.

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Von speziellen Ernährungsideologien, biologischem Land- und Gartenbau und der "Hausmetzgete" in Sissach

Veröffentlicht am 26.10.2017

Im Obst- und Gartenbau kenne ich mich ziemlich gut aus. Das ist eine Liebhaberei von mir. Seit je gärtnere ich voll biologisch – heute vor allem meine Frau mit meiner Hilfe und gelegentlichen Beratung. Kompost ist die Grundlage dafür. Mehr Kompost als wir drei bereitet wohl selten jemand pro Person oder Grundstück. Mehr als 10 m2 werden dafür gebraucht. Im Verlauf des Kompostierungsprozesses entstehen kiloweise Würmer und andere Bodenlebewesen, die je nach Stadium auch wieder verenden und von anderen Würmern und Lebewesen abgelöst und gefressen werden. Die Humusschicht im Garten oder die Ackerkrume – auch und besonders sogar die vom Bio-Gemüsebauern! – ist ebenfalls ein lebendiger Organismus voller Lebewesen. Wenn ich diese Humusschicht pflege und aufbaue und wenn ich sie bearbeite, jäte, hacke, pflüge oder egge, töte ich dabei unweigerlich viele Lebewesen – die „Schädlinge“, die auch von meinen Kulturen profitieren möchten, sogar bewusst, sonst kann ich es grad bleiben lassen. Wenn sich im Hügelbeet ein Nest Maulwurfsgrillen eingenistet hat, muss ich diese auszurotten versuchen, sonst kann ich die Ernte meines Bio-Gemüses grad vergessen; wenn die Schnecken überhand nehmen auch. Ebenso wenn Milben oder Blattläuse und andere „Schädlinge“ meine Bäume und Pflanzen fressen und schädigen wollen. Ich kann sie selber mechanisch beseitigen, d.h. umbringen oder natürliche Feinde („Nützlinge“) auf sie loslassen, damit sie gefressen werden oder versuchen, die Pflanze zu stärken und widerstandsfähiger zu machen. Damit nehme ich den armen, tierischen Mitkonsumenten an meinen Kulturen aber das Essen weg und lasse sie elendiglich verhungern.

Ich will damit sagen, bis ich Bio-Gemüse – sogar aus dem eigenen Garten! – auf dem Teller habe, müssen unweigerlich sehr viele – kiloweise! – Lebewesen dran glauben. Bis ich im Reformhaus das Bio-Getreide, die Früchte und Gemüse aus dem Gestell nehmen kann, sind es noch ungleich viel mehr – noch nicht eingerechnet den grossen Prozentsatz aller pflanzlichen Lebensmittel, die während der Produktion, des Transports und der Lagerung zugrunde gehen, resp. die tierischen Schädlinge, welche man dort noch bekämpfen muss und schon gar nicht eingerechnet die grossen Mengen an Lebensmittel, welche die Konsumenten zu Hause und in den Geschäften unnötig verderben lassen oder der Verbrennung in einer KVA zuführen. Auch nicht eingerechnet das Leben der vielen Lebewesen, welche wir mit unserem Lebensstil in unserer modernen und vor allem städtischen Lebensweise direkt oder mittelbar gefährden und umbringen – nolens volens.

Einmal habe ich beim Heugras mähen hinter dem Pfarrhaus mit der Sense versehentlich eine Blindschleiche erwischt und entzwei geschnitten. Der Nachbar, welcher gesehen hat, dass mich das etwas bedrückte, hat mich zu trösten versucht: „Mer cha halt ned allem dervor sy.“ Wohl wahr. Sogar wenn wir nackt, barfuss und mit einem Tuch vor Mund und Nase durch die Welt gehen würden, wie die „Luftgekleideten“ (Buddhisten strengster Provenienz) in Indien, könnten wir nicht alles Töten von Lebewesen vermeiden – und wer möchte hier schon so einfach und naturverbunden ohne Komfort, Technik und Mobilität leben?

Es geht uns heute gut, vielleicht sogar viel zu gut, so gut, dass wir es uns leisten können, nur noch das Beste und besonders Ausgewählte zu essen, spezielle Diäten bis hin zu „rein“ veganer Ernährung. Ich bin halt auf dem Land aufgewachsen und habe als Kind noch eine Zeit miterlebt, wo man (jedenfalls die meisten) sich das noch nicht hätte leisten können. Überdies ist mir bewusst, dass gerade für eine ökologische Landwirtschaft, welche wertvolle Abfall- oder Zwischenprodukte sinnvoll verwerten möchte, eine gewisse Tierhaltung – auch von Nutztieren – vertretbar und nötig ist. Die Tierliebe und der Einsatz für das Wohl der Tiere mancher Tierschützer übertreffen offensichtlich ihren Einsatz für das Wohl der Menschen bei weitem und gehen mir zu weit. Das ist auch direkt eine Folge davon, dass es uns so gut – zu gut – geht.

Auch klar ist, dass wir aus demselben Grund heute zu viel Fleisch essen – und produzieren. Auch klar ist, dass nicht nur Braten und Steaks, sondern auch Cervelats, „leParfait“ (Brotaufstrich) und Sardellen aus der Dose tierischen Ursprungs sind – nebst Eier, Milch, Käse, Butter und Ziger etc.

Zwischenfrage: Wovon sollen die Glarner Bauern und andere Bewohner der Bergregionen und arider Gebiete in aller Welt denn leben, wenn nicht von Vieh- und Milchwirtschaft? Oder soll man dort gar nicht leben oder wenigstens nicht von Vieh- und Landwirtschaft, aber wovon denn?

Meiner Ansicht nach sind die exklusiven Ernährungsweisen, die heute bei vielen eher jüngeren und weiblichen Teilen, vorab der urbanen Bevölkerung Mode sind, nicht so ganz zu Ende gedacht und mit einiger Unkenntnis behaftet. Ich möchte wetten, die meisten von ihnen haben schon lange nicht mehr oder noch nie mit Erde gearbeitet und sich mit der Produktion auch nur von pflanzlicher Nahrung wirklich befasst, ausser beim „urban gardening“ in Topfkulturen auf dem Balkon. Wogegen ich natürlich nichts habe, ist wenigstens schon mal ein Anfang. Insgesamt aber eben ein Zeichen und eine Folge davon, dass es unserer Gesellschaft sehr, sehr gut geht und von einer sehr grossen Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der sogenannten Urproduktion, dem primären Sektor der Wirtschaft, die doch auch primär wichtig ist. Computer, Generatoren und Dienstleistungen kann man nämlich nicht essen.

Auf diesem Hintergrund gesehen wäre es vielleicht sogar zu begrüssen, wenn die öffentliche „Hausmetzgete“ in Sissach nicht unter dem Geschrei einer masslosen, nicht wirklich kenntnisreichen Empörung der Öffentlichkeit und nicht einmal abgeschirmt hinter Zeltplanen stattfinden würde, sondern unter einer andächtigen und ruhigen Anteilnahme einer wirklich interessierten Öffentlichkeit, welche bereit ist, dabei sogar noch etwas mehr zu lernen als sie ohnehin schon zu wissen glaubt. Das gilt vor allem für die urbanen Intellektuellen und alle, denen nicht wirklich bewusst ist, wo all unser Essen herkommt.

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Noch etwas Hintergrundinformation zur Kritik an der "Bibelkritik"

Veröffentlicht am 28.08.2017

In den Chicago-Erklärungen von 1978 – 86 und von ihren Vertretern wird festgehalten, dass „die Schrift vollständig und wörtlich von Gott gegeben wurde“, und „sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum oder Fehler“ sei. „Dies gilt nicht weniger für das, was sie über Gottes Handeln in der Schöpfung, über die Geschehnisse der Weltgeschichte und über ihre eigene, von Gott gewirkte literarische Herkunft aussagt, als für ihr Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben einzelner.“ (Vorwort). Sie vertreten die Überzeugung, dass die Bibel als WortGottes fehlerfrei sei (Artikel XI) und keine Widersprüche enthalte (Artikel XIV). Ebenso wird jeder Umgang mit dem Bibeltext (z.B. Quellenscheidung) abgelehnt, der dazu führt, dass Lehren der Bibel „relativiert, für ungeschichtlich gehalten oder verworfen werden“ (Artikel XVIII). Aufgrund der Irrtumslosigkeit der Bibel könne nichts, was der Bibel widerspricht, von Gott sein (Artikel XVII).

Prof. Dr. Samuel R. Külling war Gründer und Rektor der staatsunabhängigen theologischen Akademie sta in Riehen BS. 1978 bis 1988 hat er im „Internationalen Rat für Biblische Irrtumslosigkeit“ (ICBI) mitgearbeitet, und war damit einer der Väter der drei Chicago-Erklärungen zur Bibel.

Samuel Külling ist kirchlich bei der Heilsarmee aufgewachsen. Er hat in Bern Theologie studiert und war da Altersgenosse und Kommilitone meines „Vikariatsvaters“ Kurt Bader und auch vom späteren Basler Prof. Fritz Buri.

In Bern lehrte ab 1927 als Ordinarius für Systematische Theologie Prof. Martin Werner, ein Hauptvertreter der liberalen Theologie, welchem u.a. die Entmythologisierung von Rud. Bultmann noch zu wenig weit ging. Er forderte sogar eine Entkerygmatisierung. Für Külling als Student war er die Schreckfigur der Bibelkritik und der modernen Theologie, der ihn nachhaltig negativ geprägt hatte. Buri dagegen war ein kongenialer Schüler von Werner bis in den eigenen Habitus hinein, wie er in seinen Vorlesungen dastand und dozierte. Ich habe selber noch in den 70-er Jahren bei Buri in Basel studiert. Er war damals für Külling DER theologische Gegner an der Uni, die Personifizierung einer „ungläubigen“ Theologie. Ebenso war übrigens auch Prof. Karl Barth, der grosse dialektische Theologe in Basel, ein absoluter Gegner dieser liberalen Theologie.

Eine Reminiszenz: Buri skizzierte in der Vorlesung mal seine Dogmatik, die noch nicht ganz fertig war und sagte, sie solle auf den letzten Satz hinauslaufen, der lauten solle: GOTT IST. – Darauf meldete sich eine Kommilitonin und sagte: „Also das verstehe ich jetzt überhaupt nicht, für mich wäre das der erste Satz, das ist doch im Voraus schon klar. – Glauben Sie eigentlich überhaupt an Gott?“

Eine leise Ironie der Unbedarftheit: In der Diskussion auf FB hat ein Gegner der „Bibelkritik“ ausgerechnet Fritz Buri zitiert mit: "Die Geschichte der christlichen Theologie ist die Leidensgeschichte des Christus; nicht nur einmal ist dieser von den Theologen gekreuzigt worden." (Fritz Buri, Schweizer reformierter Theologe, 1907-1995)was oder wen er damit genau gemeint haben mag … das ist irgendwo im Netz vorhanden als angebliches Zitat von Fritz Buri ohne Stellenangabe. Das passt in Bezug auf "Wissenschaftlichkeit" und gute Argumente.

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Ist die Bibel ohne Widerspruch und Irrtum?

Veröffentlicht am 28.08.2017

Ein Kollege hat jüngst ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Sünde der Bibelkritik“ als „Kampfschrift“ und „explosiver Beitrag“ zur 500-Jahr-Feier der Reformation. Auf Facebook ist darüber eine Diskussion entbrannt unter Laien und Theologen  verschiedener Provenienz. Einige Teilnehmer am Gespräch stehen offensichtlich ganz auf dem Boden der Chicago-Erklärung. Sie wollen u.a. von Widersprüchen in der Bibel nichts wissen.

Nun denn: In Röm. 3, 21-24 heisst es: Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes erschienen - bezeugt durch das Gesetz und die Propheten, die Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben an Jesus Christus für alle da ist, die glauben. Denn da ist kein Unterschied: Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verspielt. Gerecht gemacht werden sie ohne Verdienst aus seiner Gnade durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Und V. 28: Denn wir halten fest: Gerecht wird ein Mensch durch den Glauben, unabhängig von den Taten, die das Gesetz fordert. In Jak. 2, 24 steht aber: Ihr seht also, dass der Mensch aus Werken gerecht wird, nicht aus Glauben allein. Bekanntlich hat Luther schon gesagt: „Wer die beiden (Röm. und Jak.) zusammenbringt, dem will ich meinen Doktorhut aufsetzen und mich einen Narren schimpfen“, und er hat deswegen den Jakobusbrief eine "stroherne Epistel“ genannt und sich sogar gefragt, ob dieser überhaupt im Kanon stehen bleiben soll.

In den 10 Geboten heisst es bekanntlich: Du sollst nicht töten. In 3. Mose 19,18: Du sollst dich nicht rächen, auch nicht deinen Volksgenossen etwas nachtragen, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und in V. 34: Wie ein Einheimischer aus eurer eignen Mitte soll euch der Fremdling gelten, der bei euch wohnt und du sollst ihn lieben wie dich selbst – seid ihr doch auch Fremdlinge gewesen im Lande Ägypten.

5. Mose 7, 1f. heisst es aber: Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land bringt, … und sie (die Bewohner des Landes) in deine Hand gibt und du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken … Und in 5. Mose 20, 16f.: In den Städten dieser Völker, die dir der Herr, dein Gott, zu eigen geben wird, sollst du nichts am Leben lassen, was Atem hat, sondern den Bann sollst du an ihnen vollstrecken.

So ganz ohne Widersprüche ist die Bibel offensichtlich doch nicht, wobei ich natürlich weiss, dass die Vertreter der „Widerspruchsfreiheit“ der Bibel dieselben schon irgendwie "wegerklären" können. Für irgendeinen unvoreingenommenen, vielleicht auch in biblischen Dingen unbedarften oder ungebildeten Leser sind diese „Wegerklärungen“ aber nicht verständlich und nicht akzeptabel.

Etwas näher unter die Lupe nehmen möchte ich hier die beiden „Schöpfungsberichte“ ganz am Anfang der Bibel, in den ersten zwei Kapiteln.

 

Vergleich der zwei Schöpfungsberichte in Gen. 1 und 2 - die wesentlichsten Unterschiede

Die zwei Texte sind rein formal schon von ganz unterschiedlicher Art.

Gen. 1 stellt die Erschaffung der Welt dar in Form eines poetischen, weisheitlichen Textes, einer Art Gedicht oder einer Liste altorientalischer Weisheit mit sieben Strophen entsprechend der sieben Wochentage mit dem Sabbat als Krönung der Schöpfung. Die einzelnen Schöpfungswerke wurden z.T. etwas mühsam aber offensichtlich bewusst in dieses siebenteilige Schema gepresst (mehrere Doppelwerke an einzelnen Tagen). Die Abfolge der Werke ist z.T. „logisch“, z.T. „unlogisch“ (Licht vor der Sonne erschaffen) – offensichtlich aus theologischer Absicht als Abgrenzung von der babylonischen Religion und Weltsicht, wo die Himmelskörper als Götter betrachtet werden. Dieser sog. erste Schöpfungsbericht ist sozusagen ein theologisches Gegenkonzept zum babylonischen Schöpfungsmythos „Enuma elisch“, das zwar das damalige „wissenschaftliche“, altorientalische Weltverständnis desselben aufnimmt, es aber theologisch radikal anders, nämlich als Werk des Israel offenbarten Gottes der Bibel deutet, wobei insbesondere auch die Gestirne ihres göttlichen Charakters entledigt und der profanen Welt des Geschaffenen zugeordnet werden.

Gen. 2 hingegen ist eine Art „narrative Theologie“, viel weniger „wissenschaftlich“-formal strukturiert, sondern eine bildhafte, sagenhafte, orientalische Erzählung. Der Mann (ben-adam, der Mensch) wird zuerst geschaffen, dann die Tiere und zuletzt die Frau aus einer Rippe des Mannes, diesem deutlich unterstellt als Hilfe, die zu ihm passt (Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch). Die ursprüngliche „Biosphäre“ ist hier ein Garten Eden, versehen einzig mit einem Tabu vom Baum der Erkenntnis zu essen und mit dem Auftrag, diesen Garten zu bebauen.

Nebst den formalen, literarischen Unterschiede fallen einem inhaltlich zwei Hauptunterschiede auf:

·         Die Reihenfolge der Schöpfungswerke ist ganz anders

·         Die Stellung von Mann und Frau ist ganz unterschiedlich dargestellt. In Gen. 1 werden die Menschen in der Mehrzahl, männlich und weiblich, beide miteinander geschaffen, „nach dem Bilde Gottes schuf er sie“. In Gen. 2 wird der Mann zuerst, die Frau zuletzt von allem geschaffen, aus einer Rippe des Mannes und diesem als Hilfe gegeben.

·         In Gen. 1 wird alles geschaffen durch das Wort Gottes „es werde“. In Gen. 2 „handwerklich kreativer“, der Mensch (ben-adam) geformt aus Erdboden (adama) in der Art einer Töpfereiarbeit.

Das heisst: Die beiden einander unmittelbar nachfolgenden, biblischen Texte über die Schöpfung widersprechen einander ganz offensichtlich sowohl formal, in der Abfolge der Schöpfungswerke und im Vorgehen, wie alles – vor allem der Mensch – geschaffen wurde, als auch inhaltlich vor allem im „Menschenbild“, in der schöpfungsmässigen Stellung von Mann und Frau.

Diese Unterschiede können und konnten natürlich schon immer keinem Leser der Bibel verborgen bleiben. Mit jeder Deutlichkeit lassen sie sich auch keineswegs harmonisieren; das sind und bleiben ganz wesentliche Unterschiede in der Darstellung des Schöpfungswerkes und der Darstellung des intendierten Menschen- und insbesondere Frauenbildes. Das heisst doch, dass die Bibel schon immer – ganz offensichtlich und ganz bewusst – in ganz unterschiedlicher Art und Weise von der Schöpfung gesprochen hat.

In diesen Reigen von unterschiedlichem Reden über die Schöpfung lässt sich dazu insbesondere auch Psalm 104 stellen. Zu sehen ist ja auch, dass alle diese Texte nicht im heutigen Sinn „wissenschaftlich“-ontologische Erklärungen der Weltentstehung sind, sondern eher poetische Texte altorientalischer Weisheit, welche das, was ist, aus der Sicht des Glaubens deuten und bewerten wollen, und dies wie gesagt sogar in einer Bandbreite, die Unterschiede zulässt. Die „Wahrheit“ poetischer Texte, eines Gedichts oder einer Erzählung, misst sich ganz allgemein natürlich nicht an ihrer historischen Zuverlässigkeit und Genauigkeit, sondern an dem, was sie einem – eben verdichtet – sagen wollen. Diese Wahrheit oder diese Botschaft wäre herauszuhören.

Hinzu kommt noch folgendes: Nach biblischer Chronologie zählen die Juden gegenwärtig das Jahr 5777 seit der Schöpfung, welche nach unserer Zeitrechnung im Jahr 3761 v.Chr. stattgefunden haben müsste – also in geschichtlicher Zeit. Dem weitaus grössten Teil der Menschheit ist natürlich bekannt, dass die Erde, die Arten, die Menschen und die Kulturen viel, viel älter sind. Schon die ältesten, ausgegrabenen Mauern der Stadt Jericho werden ins 8. Jahrtausend vor unserer Zeit datiert. Die gesicherten Ergebnisse der Naturwissenschaften und der historischen Wissenschaft können doch nicht einfach negiert werden. Kreationisten und Fundamentalisten wollen im Interesse der „Wahrheit und Widerspruchslosigkeit“ von Gottes Wort in der Heiligen Schrift an der „Tatsache der Schöpfung“, wie sie in der Bibel berichtet ist festhalten – als Akt des Glaubens entgegen jedem vernünftigen Befund sowohl in der Bibel als auch in der Wissenschaft. Das ist doch abenteuerlich oder kindisch. Da wird der Verstand einem falsch verstandenen „Glauben“ geopfert.

Eine andere Möglichkeit wäre es, von der Bibel zu lernen: Die Verfasserschaft von Gen. 1, dem ersten Kapitel der Bibel, anerkannte durchaus in der Substanz die „Wissenschaft“ (altorientalischer Weisheit) der Babylonier in Bezug auf die Entstehung der Welt, das babylonische Weltbild. Sie bestritt aber die babylonische, religiös-mythologische Deutung desselben vehement und deutete und bewertete sozusagen die Ergebnisse der damaligen Wissenschaft ganz von ihrem Glauben an den Gott der Bibel her. Analog müssten wir es doch ähnlich machen mit den Ergebnissen, Theorien und Hypothesen, der heutigen Wissenschaft. Die Bewertung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die Frage nach dem Sinn und Zweck, Folgen und Bedeutung derselben, ist nämlich sowieso nicht nur Aufgabe der Naturwissenschaft, sondern vor allem auch der Geisteswissenschaften und für die gläubigen Menschen insbesondere Aufgabe auch der Theologie.

Jede Deutung, jedes teleologische Nachdenken und Urteilen über Sinn und Ziel dessen, was ist und was davon ausgehend sein sollte – von wem auch immer – fusst axiomatisch immer auf irgendeinem „Glauben“. Als Christen müssen wir uns also fragen: Was heisst das, was ist, für uns, nach unserem Kenntnisstand, in unserer heutigen Situation und in unseren Lebenszusammenhängen, wenn wir doch auf die Botschaft Jesu hören und ihm nachfolgen möchten, was heisst das heute für einen Menschen der an Gott glaubt, Glauben nicht verstanden als eine Ansammlung von doktrinären, dogmatischen Definitionen, sondern in einem lebendigen Glauben, verstanden eben als Nachfolge, im Hören und Ernstnehmen der Botschaft hier und heute? Das wäre doch eigentlich die Aufgabe, nicht ein Ablehnen und Kämpfen gegen die Wissenschaft und ihre Ergebnisse, weder gegen die Naturwissenschaft noch gegen die Theologie.

Über beide, unterschiedlichen Texte kann man natürlich auch predigen und ihre Botschaft für heute zur Sprache bringen. Ich habe es auch schon versucht,

Predigt zu Gen. 1 

Predigt zu Gen. 2 

 

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Zum Beispiel Weihnachten im Faktencheck

Veröffentlicht am 04.05.2017

Die „Gläubigen“, die meinen, sie müssten an alle Aussagen der Bibel so glauben, wie es buchstäblich dasteht und dass die wissenschaftliche Theologie nichts anderes wolle, als nur diesen, ihren „Glauben“ zu zerstören, die täuschen sich. Sie haben selber auch nicht „keine Theologie“, sondern nur eine sehr einfache, sehr spezielle, die in der Geschichte der Theologie schon auch ihren Ort hat – etwa vom ersten bis zum 17. Jahrhundert, die aber im Ernst heute keinem vernünftigen Menschen mehr zu vermitteln ist. Über die Zeugung durch den Heiligen Geist zum Beispiel und eine „jungfräuliche Geburt“ werden schon Drittklässler vor Mitleid mit einer Katechetin, die an „so etwas“ glaubt, höchstens noch lächeln – mit Recht! Glauben heisst nicht irgendwelche unbeweisbaren Dinge für wahr zu halten, sondern glauben als Tätigkeitswort heisst, Jesus Christus nachzufolgen und auf seine Botschaft zu hören. Dazu muss ich aber diese Botschaft der Bibel zuerst überhaupt verstehen. Und dazu bin ich froh, die Bibel ein Leben lang wissenschaftlich erforscht zu haben und um alles, was ich in diesem Umfeld weiss und meine, verstanden zu haben. Seine Botschaft ist nämlich gar nicht so irrational, sondern höchst wichtig auch für uns und unsere Zeit.

Christoph Bopp danke ich für seine adäquate Darstellung der historischen Befunde um die Geburt Jesu herum. Man könnte sie da und dort noch ergänzen oder differenzieren. Besonders gut finde ich, dass er die Befunde positiv dargestellt hat, ohne der Versuchung zu erliegen, aus den Widersprüchen historisch unzulässige Schlüsse zu ziehen, wie es die Verächter des Glaubens häufig tun und sagen, es sind historisch gewisse Widersprüche, also ist sowieso alles erfunden. Und auf das, was Pfarrer Werner Laubi zur Gottessohnschaft als Berufung oder Adoption gesagt hat, würden die „Gläubigen“ auch gescheiter hören, als es verächtlich zu machen, wenn sie die Schrift schon ganz ernst nehmen wollen.

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Reformationsjubiläum

Veröffentlicht am 13.01.2017

Schon 1984 war mal ein Jubiläumsjahr, damals zum 500. Geburtstag von Ulrich Zwingli. Bei dieser Gelegenheit hatte ich mich entschieden, wie seinerzeit Zwingli 1519 in Zürich, mit der fortlaufenden Auslegung des Matthäusevangeliums anzufangen.

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Landeskirchen

Veröffentlicht am 17.06.2016

Wir freuen uns an kleinen "Erfolgen", dass sie bei der Eröffnung der Gotthardröhre doch im letzten Moment noch gemerkt haben, dass es neben den Atheisten und Muslimen noch die kleine Minderheit der Reformierten gibt. Natürlich gäbe es sogar eine noch kleinere Landeskirche, aber an die denkt eh nie jemand ... Oder dass die Gemeindepfarrpersonen im Aargau jetzt doch wieder etwas leichter Zugang zu ihren Schäfchen in den Spitälern bekommen.

Über die letzten 40 Jahre gesehen ist der Trend aber eindeutig: Zahlenmässig und betreffend Einfluss und Bedeutung in der Öffentlichkeit ein dramatischer Rückgang, Trendwende keine in Sicht. Das heisst mit Sicherheit, dass der öffentlich-rechtliche Status der Landeskirchen logischerweise in absehbarer Zeit in Frage gestellt sein wird. Die "konstantinische Wene" von Anfang des 4. Jahrhunderts wird zurück gewendet. Wir müssen uns sehr bald sehr ernsthaft Gedanken machen über die Zeit danach.

Die Kirche wird deswegen nicht untergehen, sie wird aber von ihrer inneren und äusseren Verfassung her ("Verfassung" durchaus im Doppelsinn gemeint) anders werden - nicht unbedingt zu ihrem Nachteil. Die Risiken und Chancen werden grösser.

Vor allem und vordringlich sollten wir uns jetzt schon über neue Finanzierungsquellen Gedanken machen, wenn das Steuerrecht wegfallen sollte. Als zusätzliche Variante könnte man alternative Finanzierungsmodelle durchaus jetzt schon bei Bedarf etablieren. Bedarf sehe ich vor allem da, wo aus geistlicher Sicht zum Aufbau für die Zukunft unbedingt Notwendiges heute schon die Steuermittel fehlen oder aus Sparüberlegungen nach anderen als geistlichen Kriterien nicht bewilligt werden.

Wir müssen bei den Aufbaubemühungen auf die Zukunft hin auf allen Ebenen noch viel kreativer werden. Nur verwalten und betreuen reicht längst nicht mehr.

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Gedanken zur Demokratie

Veröffentlicht am 17.06.2016

Demokratie heisst bekanntlich Herrschaft des Volkes. Der Begriff und die Ausgestaltung davon hat eine lange Geschichte. Demokratie steht im Unterschied etwa zu anderen Erscheinungen oder Arten der Staatslenkung wie Tyrannis, Diktatur, Oligarchie, Plutokratie, Monarchie etc. Heute wird der Begriff in der politischen Diskussion auf eine Art wie populistisch neu definiert. „Das Volk“ wird von einer politischen Richtung oder Partei einseitig für sich reklamiert und behauptet, man vertrete es exklusiv.

Diese Haltung oder dieses Selbstbewusstsein führt und führte in der Geschichte regelmässig zu einer Diktatur dieser Partei, wenn sie denn siegte und in der Folge zur Unterdrückung aller anderen Meinungen und Parteien und zu unerlaubten, undemokratischen Eingriffen und Änderungen bei den demokratischen Institutionen auf allen Ebenen, Legislative, Exekutive und Judikative, mit dem Ziel, Andersdenkende zu diskreditieren, zu kriminalisieren und von jeglicher Einflussnahme im Staat auszuschliessen.

Solche Vorgänge beobachten wir zurzeit in der Türkei, in Ungarn, Polen und anderswo. Auch in der Schweiz sind solche Tendenzen sichtbar, das „Volk“ und die „Demokratie“ in ähnlicher Weise neu zu definieren. Als demokratisches Mittel dazu wird in der Schweiz gerne das Instrument der „Volksinitiative auf Teilrevision der Bundesverfassung“ benutzt, resp. missbraucht. In meinen Augen ist es ganz klar ein Missbrauch dieses demokratischen Instituts. Es wurde ursprünglich geschaffen, um kleineren Interessengruppen oder Parteien, welche im Parlament nicht genügend vertreten waren (Majorzwahlen) doch ein Instrument in die Hand zu geben, wenn sie den Eindruck hatten, dass Mehrheitsanliegen des Volkes in der Verfassung nicht genügend Raum gegeben wurde. Auf Gesetzesstufe gibt es das Initiativrecht ja bewusst nicht.

Heute wird dieses Instrument aber gerne von den grossen und grössten Parteien und von mächtigen Playern der Wirtschaft eingesetzt, um ihre Anliegen, welche in den parlamentarischen Auseinandersetzungen ihrer Ansicht nach nicht genügend (nicht ohne Abstriche 100%-igen) Rückhalt gefunden haben, über das Stimmvolk, das es dann durch entsprechende Propaganda mehrheitlich dafür zu gewinnen gilt, doch noch in die Verfassung zu schreiben; in die Verfassung, nicht etwa in ein Gesetz, wo das Anliegen vermutlich höchstens hingehörte. Das ist ein Missbrauch dieses demokratischen Instruments. Das Ziel besteht darin, auf diese Weise die demokratisch legitimierten Behörden Exekutive, Legislative und Judikative und die parlamentarische Auseinandersetzung auszuhebeln und an allen Instanzen vorbei ihr Anliegen als „Wille des Volkes“ per Plebiszit in die allem übergeordnete Verfassung zu setzen. „So, jetzt habt ihr den Dreck! Warum habt ihr uns im Parlament nicht widerstandslos durchmarschieren lassen.“

Dem gegenüber halte ich dafür, dass das Volk ganz grundsätzlich und prinzipiell von den nach fairen Regeln gewählten Behörden (Legislative, Exekutive und Judikative) mit ihren verfassungsmässigen Zuständigkeiten demokratisch und richtig vertreten wird. Das ist republikanische Demokratie, dass sich das Volk seine Behörden nach fairen Wahlgesetzen regelmässig – per Amtsperiode – selber wählen kann. Gerechter austariert ist dieses demokratische System wohl nirgends als in der Schweiz mit ihrem Föderalismus, den kleinen Wahlkreisen und hauptsächlich Proporzwahlrecht.

Die Meinung, der sog. Volkswille, der in einer mit grosser Finanzkraft, populistisch, gefühlsmässig aufgeheizten Abstimmungskampagne dann in einer Volksabstimmung zum Ausdruck komme, sei die höchste Instanz im Staat, ist gegen die republikanische Staatsidee und Staatsform gerichtet und ist in dem Sinn nicht demokratisch, sondern absolutistisch. Das läuft auf eine Diktatur hinaus ähnlich der nationalsozialistischen oder der kommunistischen. Das sind staatspolitisch gefährliche Tendenzen.

Per solche Volksinitiativen werden und wurden schon Dinge in die Verfassung geschrieben, die absolut nicht in das Grundgesetz gehören, bloss aufgrund von Emotionen der von Populismus angefeuerten "Volksseele", absolut vorbei an den demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen von Legislative, Exekutive und Judikative. Insbesondere im Parlament müssten die Anliegen ja im Widerstreit der Meinungen und aller relevanten, politischen Kräfte bestehen können - vor der Vernunft! - und das würden sie niemals, um schon nur auf der adäquaten Gesetzesstufe in Kraft treten zu können.

Die vernunftbegabten Leute müssen jetzt wirklich dringend zusammenstehen und sich vehementer zu Wort melden und sich für die Demokratie wehren. Auf der anderen Seite darf die Führerschaft im Staat natürlich auch nicht die Probleme ignorieren, bis die Volksseele hochkocht und sich auf so untauglichem Weg von verantwortungslosen Verführern instrumentalisieren lässt. „Gouverner c’est prévoir“ – und rechtzeitig handeln.

Damit wir nicht ständig weiter Gefahr laufen, über solch problematische Initiativen abstimmen zu müssen, welche mit den Emotionen des Volkes spielen und diese zu instrumentalisieren versuchen, sollte wohl die Bundesverfassung in Art. 139 mit einem neuen Abschnitt folgendermassen ergänzt werden:

"Volksinitiativen auf Teilrevision der Bundesverfassung, welche die verfassungsmässigen Grundrechte oder die verfassungsmässigen Zuständigkeiten von Bundesversammlung, Bundesrat oder Bundesgericht einschränken, sind unzulässig." 

Solange wir keine Verfassungsgerichtsbarkeit haben, hielte ich das für sinnvoll, damit einschneidende Änderungen der demokratischen Grundlagen nicht aufgrund von Revanchegefühlen des Volkes oder gar eventuell einmal von einer Massenpsychose am Parlament vorbei eingeführt werden können, sondern wenn, dann nur durch die parlamentarische Auseinandersetzung hindurch.

 

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Warum das BGE nicht erledigt ist

In der Abstimmungspropaganda wurde von beiden Seiten meiner Meinung nach schlecht argumentiert, von den Befürwortern und von den Gegner sowieso. Auf antiquierte, rückwärtsgewandte „Antworten“, Rezepte oder Postulate hin wurden zum Schein falsche, mehr oder weniger irrelevante „Fragen“ erfunden. Das Problem ist eben nicht bloss ein zukünftiges, sondern bereits da und es akzentuiert sich laufend weiter.

Seit 1991 ist die Arbeitslosigkeit dauerhaft über 1% gestiegen, in den letzten Jahren lag sie bei 3-4% oder 100‘000 – 150‘000 Betroffenen. Eine Abnahme ist nicht in Sicht, im Gegenteil. D.h. die Arbeitslosenquote ist so hoch wie in den Krisenjahren des letzten Jahrhunderts, damals noch ohne die heutigen Sozialwerke, welche die Folgen bisher noch abmildern. Zum Vergleich: 1973 gab es in der Schweiz ganze 83 (!) Arbeitslose, 0,0% von 1960 - 1974!

Die erste digitale Revolution und die ökonomischen Veränderungen der letzten 25 – 30 Jahre haben zwar schon auch mehr neue Jobs geschaffen als wir noch Anfang der 80-er Jahre befürchtet haben. Sie haben aber auf Dauer auch immer mehr Gewinner und Verlierer geschaffen, ein anhaltender Trend. Der neuerliche digitale Schub, der vor der Türe steht, wird diesen Trend nicht abschwächen, sondern höchstwahrscheinlich noch verstärken, auch wenn er zugleich weitere (entsprechend qualifizierte) Jobs schaffen wird. Der Anteil der Verlierer wird leider weiter steigen und die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern noch weiter auseinandergehen, sogar in der Schweiz. In andern Ländern und Volkswirtschaften ist die Situation ja längst aus dem Ruder gelaufen.

Die heutigen Sozialwerke, Sozialhilfe, ALV, AHV, IV, „2. Säule“/BVG, funktionier(t)en zwar bisher oberflächlich gesehen leidlich. Sie werden aber in der Öffentlichkeit zu positiv eingeschätzt. Z.T. sind es Fehlkonstruktionen, die nur unter gewissen Bedingungen funktionieren können (BVG), z.T. sind die Probleme damit beim genaueren Hinsehen gar nicht so klein. Insbesondere bei der Sozialhilfe, der IV, der ALV und ihren Übergängen sind die Probleme und Ungerechtigkeiten an der Front nicht nur im Einzelfall auf beiden Seiten gross, für die Betroffenen und die Verantwortlichen. Wenn die Fallzahlen durch die sozio-ökonomische Entwicklung in Zukunft noch grösser werden sollten, sehe ich nicht, wie die Probleme auf der bisherigen Basis weiter gemeistert werden könnten.

Die längerfristigen, sozio-ökonomischen Trends zeichnen sich sogar in der Schweiz schon klar ab. Die Anzahl Verlierer der Entwicklung wird zunehmen. Gegenläufige, stabilisierende Einflüsse sehe ich absolut keine. Der (Arbeits-)Markt hat bisher und in den letzten 25-30 Jahren nicht den geringsten Lösungsansatz zu dem Problem aufgewiesen, im Gegenteil. Die Lösungen und Rezepte der Vergangenheit halten zwar noch knapp stand, kommen aber sichtlich an ihre Grenzen. Deshalb wird es einen neuen Lösungsansatz brauchen, damit die Verlierer und alle Bevölkerungsgruppen und -schichten, welche von einem ausreichenden Erwerbseinkommen abgehalten werden (unbezahlte Familienarbeit Leistende, Handicapierte, Studierende, in prekären Verhältnissen Lebende etc.) am Leben und an der Volkswirtschaft auch als Konsumenten teilhaben und einen Beitrag leisten können.

Diese bereits anstehenden und in Zukunft vermutlich noch grösser werdenden Probleme müssen wir meistern und dafür eine Lösung suchen. Die Rezepte der Vergangenheit sind dazu nicht mehr tauglich. Ein BGE kann ein Lösungsansatz dazu sein. Ein BGE allein wird diese zukünftigen Probleme aber auch noch nicht lösen. Es braucht dazu noch weitere Elemente und Rahmenbedingungen, welche ja z.T. auch schon angedacht sind.

Das BGE ist deshalb eben noch keineswegs erledigt, wie traditionell und konservativ Denkende meinen, sondern erst recht auf die Traktandenliste gesetzt und als zukunftsträchtiger Lösungsansatz zur weiteren Diskussion gestellt.

Martin Hess, 06.06.2016

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