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Ist die Bibel ohne Widerspruch und Irrtum?

Veröffentlicht am 28.08.2017

Ein Kollege hat jüngst ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Sünde der Bibelkritik“ als „Kampfschrift“ und „explosiver Beitrag“ zur 500-Jahr-Feier der Reformation. Auf Facebook ist darüber eine Diskussion entbrannt unter Laien und Theologen  verschiedener Provenienz. Einige Teilnehmer am Gespräch stehen offensichtlich ganz auf dem Boden der Chicago-Erklärung. Sie wollen u.a. von Widersprüchen in der Bibel nichts wissen.

Nun denn: In Röm. 3, 21-24 heisst es: Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes erschienen - bezeugt durch das Gesetz und die Propheten, die Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben an Jesus Christus für alle da ist, die glauben. Denn da ist kein Unterschied: Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verspielt. Gerecht gemacht werden sie ohne Verdienst aus seiner Gnade durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Und V. 28: Denn wir halten fest: Gerecht wird ein Mensch durch den Glauben, unabhängig von den Taten, die das Gesetz fordert. In Jak. 2, 24 steht aber: Ihr seht also, dass der Mensch aus Werken gerecht wird, nicht aus Glauben allein. Bekanntlich hat Luther schon gesagt: „Wer die beiden (Röm. und Jak.) zusammenbringt, dem will ich meinen Doktorhut aufsetzen und mich einen Narren schimpfen“, und er hat deswegen den Jakobusbrief eine "stroherne Epistel“ genannt und sich sogar gefragt, ob dieser überhaupt im Kanon stehen bleiben soll.

In den 10 Geboten heisst es bekanntlich: Du sollst nicht töten. In 3. Mose 19,18: Du sollst dich nicht rächen, auch nicht deinen Volksgenossen etwas nachtragen, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und in V. 34: Wie ein Einheimischer aus eurer eignen Mitte soll euch der Fremdling gelten, der bei euch wohnt und du sollst ihn lieben wie dich selbst – seid ihr doch auch Fremdlinge gewesen im Lande Ägypten.

5. Mose 7, 1f. heisst es aber: Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land bringt, … und sie (die Bewohner des Landes) in deine Hand gibt und du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken … Und in 5. Mose 20, 16f.: In den Städten dieser Völker, die dir der Herr, dein Gott, zu eigen geben wird, sollst du nichts am Leben lassen, was Atem hat, sondern den Bann sollst du an ihnen vollstrecken.

So ganz ohne Widersprüche ist die Bibel offensichtlich doch nicht, wobei ich natürlich weiss, dass die Vertreter der „Widerspruchsfreiheit“ der Bibel dieselben schon irgendwie "wegerklären" können. Für irgendeinen unvoreingenommenen, vielleicht auch in biblischen Dingen unbedarften oder ungebildeten Leser sind diese „Wegerklärungen“ aber nicht verständlich und nicht akzeptabel.

Etwas näher unter die Lupe nehmen möchte ich hier die beiden „Schöpfungsberichte“ ganz am Anfang der Bibel, in den ersten zwei Kapiteln.

 

Vergleich der zwei Schöpfungsberichte in Gen. 1 und 2 - die wesentlichsten Unterschiede

Die zwei Texte sind rein formal schon von ganz unterschiedlicher Art.

Gen. 1 stellt die Erschaffung der Welt dar in Form eines poetischen, weisheitlichen Textes, einer Art Gedicht oder einer Liste altorientalischer Weisheit mit sieben Strophen entsprechend der sieben Wochentage mit dem Sabbat als Krönung der Schöpfung. Die einzelnen Schöpfungswerke wurden z.T. etwas mühsam aber offensichtlich bewusst in dieses siebenteilige Schema gepresst (mehrere Doppelwerke an einzelnen Tagen). Die Abfolge der Werke ist z.T. „logisch“, z.T. „unlogisch“ (Licht vor der Sonne erschaffen) – offensichtlich aus theologischer Absicht als Abgrenzung von der babylonischen Religion und Weltsicht, wo die Himmelskörper als Götter betrachtet werden. Dieser sog. erste Schöpfungsbericht ist sozusagen ein theologisches Gegenkonzept zum babylonischen Schöpfungsmythos „Enuma elisch“, das zwar das damalige „wissenschaftliche“, altorientalische Weltverständnis desselben aufnimmt, es aber theologisch radikal anders, nämlich als Werk des Israel offenbarten Gottes der Bibel deutet, wobei insbesondere auch die Gestirne ihres göttlichen Charakters entledigt und der profanen Welt des Geschaffenen zugeordnet werden.

Gen. 2 hingegen ist eine Art „narrative Theologie“, viel weniger „wissenschaftlich“-formal strukturiert, sondern eine bildhafte, sagenhafte, orientalische Erzählung. Der Mann (ben-adam, der Mensch) wird zuerst geschaffen, dann die Tiere und zuletzt die Frau aus einer Rippe des Mannes, diesem deutlich unterstellt als Hilfe, die zu ihm passt (Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch). Die ursprüngliche „Biosphäre“ ist hier ein Garten Eden, versehen einzig mit einem Tabu vom Baum der Erkenntnis zu essen und mit dem Auftrag, diesen Garten zu bebauen.

Nebst den formalen, literarischen Unterschiede fallen einem inhaltlich zwei Hauptunterschiede auf:

·         Die Reihenfolge der Schöpfungswerke ist ganz anders

·         Die Stellung von Mann und Frau ist ganz unterschiedlich dargestellt. In Gen. 1 werden die Menschen in der Mehrzahl, männlich und weiblich, beide miteinander geschaffen, „nach dem Bilde Gottes schuf er sie“. In Gen. 2 wird der Mann zuerst, die Frau zuletzt von allem geschaffen, aus einer Rippe des Mannes und diesem als Hilfe gegeben.

·         In Gen. 1 wird alles geschaffen durch das Wort Gottes „es werde“. In Gen. 2 „handwerklich kreativer“, der Mensch (ben-adam) geformt aus Erdboden (adama) in der Art einer Töpfereiarbeit.

Das heisst: Die beiden einander unmittelbar nachfolgenden, biblischen Texte über die Schöpfung widersprechen einander ganz offensichtlich sowohl formal, in der Abfolge der Schöpfungswerke und im Vorgehen, wie alles – vor allem der Mensch – geschaffen wurde, als auch inhaltlich vor allem im „Menschenbild“, in der schöpfungsmässigen Stellung von Mann und Frau.

Diese Unterschiede können und konnten natürlich schon immer keinem Leser der Bibel verborgen bleiben. Mit jeder Deutlichkeit lassen sie sich auch keineswegs harmonisieren; das sind und bleiben ganz wesentliche Unterschiede in der Darstellung des Schöpfungswerkes und der Darstellung des intendierten Menschen- und insbesondere Frauenbildes. Das heisst doch, dass die Bibel schon immer – ganz offensichtlich und ganz bewusst – in ganz unterschiedlicher Art und Weise von der Schöpfung gesprochen hat.

In diesen Reigen von unterschiedlichem Reden über die Schöpfung lässt sich dazu insbesondere auch Psalm 104 stellen. Zu sehen ist ja auch, dass alle diese Texte nicht im heutigen Sinn „wissenschaftlich“-ontologische Erklärungen der Weltentstehung sind, sondern eher poetische Texte altorientalischer Weisheit, welche das, was ist, aus der Sicht des Glaubens deuten und bewerten wollen, und dies wie gesagt sogar in einer Bandbreite, die Unterschiede zulässt. Die „Wahrheit“ poetischer Texte, eines Gedichts oder einer Erzählung, misst sich ganz allgemein natürlich nicht an ihrer historischen Zuverlässigkeit und Genauigkeit, sondern an dem, was sie einem – eben verdichtet – sagen wollen. Diese Wahrheit oder diese Botschaft wäre herauszuhören.

Hinzu kommt noch folgendes: Nach biblischer Chronologie zählen die Juden gegenwärtig das Jahr 5777 seit der Schöpfung, welche nach unserer Zeitrechnung im Jahr 3761 v.Chr. stattgefunden haben müsste – also in geschichtlicher Zeit. Dem weitaus grössten Teil der Menschheit ist natürlich bekannt, dass die Erde, die Arten, die Menschen und die Kulturen viel, viel älter sind. Schon die ältesten, ausgegrabenen Mauern der Stadt Jericho werden ins 8. Jahrtausend vor unserer Zeit datiert. Die gesicherten Ergebnisse der Naturwissenschaften und der historischen Wissenschaft können doch nicht einfach negiert werden. Kreationisten und Fundamentalisten wollen im Interesse der „Wahrheit und Widerspruchslosigkeit“ von Gottes Wort in der Heiligen Schrift an der „Tatsache der Schöpfung“, wie sie in der Bibel berichtet ist festhalten – als Akt des Glaubens entgegen jedem vernünftigen Befund sowohl in der Bibel als auch in der Wissenschaft. Das ist doch abenteuerlich oder kindisch. Da wird der Verstand einem falsch verstandenen „Glauben“ geopfert.

Eine andere Möglichkeit wäre es, von der Bibel zu lernen: Die Verfasserschaft von Gen. 1, dem ersten Kapitel der Bibel, anerkannte durchaus in der Substanz die „Wissenschaft“ (altorientalischer Weisheit) der Babylonier in Bezug auf die Entstehung der Welt, das babylonische Weltbild. Sie bestritt aber die babylonische, religiös-mythologische Deutung desselben vehement und deutete und bewertete sozusagen die Ergebnisse der damaligen Wissenschaft ganz von ihrem Glauben an den Gott der Bibel her. Analog müssten wir es doch ähnlich machen mit den Ergebnissen, Theorien und Hypothesen, der heutigen Wissenschaft. Die Bewertung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die Frage nach dem Sinn und Zweck, Folgen und Bedeutung derselben, ist nämlich sowieso nicht nur Aufgabe der Naturwissenschaft, sondern vor allem auch der Geisteswissenschaften und für die gläubigen Menschen insbesondere Aufgabe auch der Theologie.

Jede Deutung, jedes teleologische Nachdenken und Urteilen über Sinn und Ziel dessen, was ist und was davon ausgehend sein sollte – von wem auch immer – fusst axiomatisch immer auf irgendeinem „Glauben“. Als Christen müssen wir uns also fragen: Was heisst das, was ist, für uns, nach unserem Kenntnisstand, in unserer heutigen Situation und in unseren Lebenszusammenhängen, wenn wir doch auf die Botschaft Jesu hören und ihm nachfolgen möchten, was heisst das heute für einen Menschen der an Gott glaubt, Glauben nicht verstanden als eine Ansammlung von doktrinären, dogmatischen Definitionen, sondern in einem lebendigen Glauben, verstanden eben als Nachfolge, im Hören und Ernstnehmen der Botschaft hier und heute? Das wäre doch eigentlich die Aufgabe, nicht ein Ablehnen und Kämpfen gegen die Wissenschaft und ihre Ergebnisse, weder gegen die Naturwissenschaft noch gegen die Theologie.

Über beide, unterschiedlichen Texte kann man natürlich auch predigen und ihre Botschaft für heute zur Sprache bringen. Ich habe es auch schon versucht,

Predigt zu Gen. 1 

Predigt zu Gen. 2