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Von speziellen Ernährungsideologien, biologischem Land- und Gartenbau und der "Hausmetzgete" in Sissach

Veröffentlicht am 26.10.2017

Im Obst- und Gartenbau kenne ich mich ziemlich gut aus. Das ist eine Liebhaberei von mir. Seit je gärtnere ich voll biologisch – heute vor allem meine Frau mit meiner Hilfe und gelegentlichen Beratung. Kompost ist die Grundlage dafür. Mehr Kompost als wir drei bereitet wohl selten jemand pro Person oder Grundstück. Mehr als 10 m2 werden dafür gebraucht. Im Verlauf des Kompostierungsprozesses entstehen kiloweise Würmer und andere Bodenlebewesen, die je nach Stadium auch wieder verenden und von anderen Würmern und Lebewesen abgelöst und gefressen werden. Die Humusschicht im Garten oder die Ackerkrume – auch und besonders sogar die vom Bio-Gemüsebauern! – ist ebenfalls ein lebendiger Organismus voller Lebewesen. Wenn ich diese Humusschicht pflege und aufbaue und wenn ich sie bearbeite, jäte, hacke, pflüge oder egge, töte ich dabei unweigerlich viele Lebewesen – die „Schädlinge“, die auch von meinen Kulturen profitieren möchten, sogar bewusst, sonst kann ich es grad bleiben lassen. Wenn sich im Hügelbeet ein Nest Maulwurfsgrillen eingenistet hat, muss ich diese auszurotten versuchen, sonst kann ich die Ernte meines Bio-Gemüses grad vergessen; wenn die Schnecken überhand nehmen auch. Ebenso wenn Milben oder Blattläuse und andere „Schädlinge“ meine Bäume und Pflanzen fressen und schädigen wollen. Ich kann sie selber mechanisch beseitigen, d.h. umbringen oder natürliche Feinde („Nützlinge“) auf sie loslassen, damit sie gefressen werden oder versuchen, die Pflanze zu stärken und widerstandsfähiger zu machen. Damit nehme ich den armen, tierischen Mitkonsumenten an meinen Kulturen aber das Essen weg und lasse sie elendiglich verhungern.

Ich will damit sagen, bis ich Bio-Gemüse – sogar aus dem eigenen Garten! – auf dem Teller habe, müssen unweigerlich sehr viele – kiloweise! – Lebewesen dran glauben. Bis ich im Reformhaus das Bio-Getreide, die Früchte und Gemüse aus dem Gestell nehmen kann, sind es noch ungleich viel mehr – noch nicht eingerechnet den grossen Prozentsatz aller pflanzlichen Lebensmittel, die während der Produktion, des Transports und der Lagerung zugrunde gehen, resp. die tierischen Schädlinge, welche man dort noch bekämpfen muss und schon gar nicht eingerechnet die grossen Mengen an Lebensmittel, welche die Konsumenten zu Hause und in den Geschäften unnötig verderben lassen oder der Verbrennung in einer KVA zuführen. Auch nicht eingerechnet das Leben der vielen Lebewesen, welche wir mit unserem Lebensstil in unserer modernen und vor allem städtischen Lebensweise direkt oder mittelbar gefährden und umbringen – nolens volens.

Einmal habe ich beim Heugras mähen hinter dem Pfarrhaus mit der Sense versehentlich eine Blindschleiche erwischt und entzwei geschnitten. Der Nachbar, welcher gesehen hat, dass mich das etwas bedrückte, hat mich zu trösten versucht: „Mer cha halt ned allem dervor sy.“ Wohl wahr. Sogar wenn wir nackt, barfuss und mit einem Tuch vor Mund und Nase durch die Welt gehen würden, wie die „Luftgekleideten“ (Buddhisten strengster Provenienz) in Indien, könnten wir nicht alles Töten von Lebewesen vermeiden – und wer möchte hier schon so einfach und naturverbunden ohne Komfort, Technik und Mobilität leben?

Es geht uns heute gut, vielleicht sogar viel zu gut, so gut, dass wir es uns leisten können, nur noch das Beste und besonders Ausgewählte zu essen, spezielle Diäten bis hin zu „rein“ veganer Ernährung. Ich bin halt auf dem Land aufgewachsen und habe als Kind noch eine Zeit miterlebt, wo man (jedenfalls die meisten) sich das noch nicht hätte leisten können. Überdies ist mir bewusst, dass gerade für eine ökologische Landwirtschaft, welche wertvolle Abfall- oder Zwischenprodukte sinnvoll verwerten möchte, eine gewisse Tierhaltung – auch von Nutztieren – vertretbar und nötig ist. Die Tierliebe und der Einsatz für das Wohl der Tiere mancher Tierschützer übertreffen offensichtlich ihren Einsatz für das Wohl der Menschen bei weitem und gehen mir zu weit. Das ist auch direkt eine Folge davon, dass es uns so gut – zu gut – geht.

Auch klar ist, dass wir aus demselben Grund heute zu viel Fleisch essen – und produzieren. Auch klar ist, dass nicht nur Braten und Steaks, sondern auch Cervelats, „leParfait“ (Brotaufstrich) und Sardellen aus der Dose tierischen Ursprungs sind – nebst Eier, Milch, Käse, Butter und Ziger etc.

Zwischenfrage: Wovon sollen die Glarner Bauern und andere Bewohner der Bergregionen und arider Gebiete in aller Welt denn leben, wenn nicht von Vieh- und Milchwirtschaft? Oder soll man dort gar nicht leben oder wenigstens nicht von Vieh- und Landwirtschaft, aber wovon denn?

Meiner Ansicht nach sind die exklusiven Ernährungsweisen, die heute bei vielen eher jüngeren und weiblichen Teilen, vorab der urbanen Bevölkerung Mode sind, nicht so ganz zu Ende gedacht und mit einiger Unkenntnis behaftet. Ich möchte wetten, die meisten von ihnen haben schon lange nicht mehr oder noch nie mit Erde gearbeitet und sich mit der Produktion auch nur von pflanzlicher Nahrung wirklich befasst, ausser beim „urban gardening“ in Topfkulturen auf dem Balkon. Wogegen ich natürlich nichts habe, ist wenigstens schon mal ein Anfang. Insgesamt aber eben ein Zeichen und eine Folge davon, dass es unserer Gesellschaft sehr, sehr gut geht und von einer sehr grossen Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der sogenannten Urproduktion, dem primären Sektor der Wirtschaft, die doch auch primär wichtig ist. Computer, Generatoren und Dienstleistungen kann man nämlich nicht essen.

Auf diesem Hintergrund gesehen wäre es vielleicht sogar zu begrüssen, wenn die öffentliche „Hausmetzgete“ in Sissach nicht unter dem Geschrei einer masslosen, nicht wirklich kenntnisreichen Empörung der Öffentlichkeit und nicht einmal abgeschirmt hinter Zeltplanen stattfinden würde, sondern unter einer andächtigen und ruhigen Anteilnahme einer wirklich interessierten Öffentlichkeit, welche bereit ist, dabei sogar noch etwas mehr zu lernen als sie ohnehin schon zu wissen glaubt. Das gilt vor allem für die urbanen Intellektuellen und alle, denen nicht wirklich bewusst ist, wo all unser Essen herkommt.