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Zum Buch Daniel

Erwägungen zum „Menschensohn“-Problem in Daniel 7, 13

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Erwägungen Anmerkungen

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Das Original war auch in 2 Heften ausgeführt, damit man die Anmerkungen daneben aufschlagen kann. In den Anmerkungen ist ja oft viel Interessantes zusätzlich enthalten.

Olivetti valentineOlivetti valentineMeine Schreibmaschine von damals ...

Zur Einleitung

Wie hat eine „Masterarbeit“ ausgesehen, bevor es PC gab? Es hiess aber damals noch nicht Masterarbeit, sondern man musste als Vorbedingung zur theologischen Prüfung eine qualifizierte Seminararbeit einreichen. Ich hatte die Idee, meine im Fach „Altes Testament“ zu machen, wohl nicht eine besonders häufige Absicht bei damaligen Kandidaten. Geschrieben habe ich die Arbeit auf einer Reiseschreibmaschine Olivetti Valentine, einer Stilikone der 70-er Jahre.

Ein Vierteljahrhundert Danielforschung

Prof. Walter Baumgartner, ein Experte der semitischen und hebräischen Sprache und auch in Bezug auf das Buch Daniel, damals Professor in Basel und Giessen, hat 1939 in der Theologischen Rundschau ThR 11 einen Forschungsbericht veröffentlicht mit dem Titel „Ein Vierteljahrhundert Danielforschung“. Prof. Hans Wildberger stellte mir dann die Aufgabe, diesen Forschungsbericht bis in die Gegenwart weiterzuführen.

Weitere 39 Jahre Danielforschung ...

Eine immense Fülle an Artikeln und Publikationen zum Thema warteten auf mich. Als erster und bleibender Eindruck „lernte“ ich dabei, dass auch bei wissenschaftlichen Publikationen etwa die Hälfte das Papier nicht wert ist, auf das sie gedruckt wurden, weil die Autoren mehr oder weniger nur wiederholen, was andere, die sie für Koryphäen halten, zuvor schon gesagt haben. Ein zweiter Eindruck von den „neueren“ Forschungsergebnissen war dann, dass sie mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und Methoden zu sehr unterschiedlichen um nicht zu sagen chaotisch-disparaten Ergebnissen gekommen waren, die man kaum sinnvoll ordnen und zusammenfassen konnte. Das forderte mich dazu heraus, der Sache selber intensiv auf den Grund zu gehen, vorerst einfach um mir sinnvolle Ordnungs- und Beurteilungskriterien zu erarbeiten.

Erwägungen zum „Menschensohn“-Problem in Daniel 7,13

Als ich Prof. Wildberger den ersten Entwurf meiner Arbeit zeigte, meinte er, das sei nun eigentlich etwas Anderes als ein Forschungsbericht. Da müsse ich jetzt den Titel ändern in „Erwägungen zum Menschensohn-Problem in Daniel 7,13“. Vielleicht war auch dieser Titel noch etwas zu eng.

Der ursprünglich geplante Forschungsbericht ist darin allerdings schon noch enthalten, kurz zusammengefasst in Tabellenform, wo die sehr unterschiedlichen Meinungen zu Sachfragen auch gut zum Ausdruck kommen, und in vielen Erwähnungen und Bemerkungen zu den wichtigsten Publikationen.

Mit dem Buch Daniel habe ich mich in ein Werk der sog. „Apokalyptik“ vertieft, ein Werk des Alten Testamentes auch quasi am Übergang zum Neuen Testament, zum grossen Teil auch in der Sprache Jesu, in Aramäisch geschrieben. Das sog. „Menschensohn-Problem“ in Daniel 7,13 ist aber auch in der Sache ein Bindeglied zum Neuen Testament.

Die literarische Struktur und das zentrale Thema

Bei diesen Untersuchungen zum Buch Daniel bin ich selber zu sehr interessanten Ergebnissen und Erkenntnissen gekommen, die meines Wissens bis heute so noch nicht gemacht oder wenigstens nicht publiziert worden sind. Wissenschaftliche Arbeit veraltet in der Theologie zum Glück nicht so schnell wie in technischen Wissenschaften. Entscheidend war für mich dabei die Entdeckung der Literarischen Struktur der sog. „konzentrischen Symmetrie“ im Buch Daniel. Das ist zwar nicht meine Entdeckung, sondern darauf gebracht hat mich eine Publikation von Prof. A. Lenglet in Biblica 53, 1972, La structure littéraire de Dan. 2-7. Das und meine weiteren Erkenntnisse aus dieser Arbeit dürften schon noch weiter herum bekannt werden.

Das zentrale Thema übrigens kommt erst durch diese Struktur richtig ins Blickfeld und zur Geltung. Sonst wird es gerne „übersehen“, z.B. wenn man das Danielbuch wie üblich anders aufteilt, 1-6 als (alte) „Danielerzählungen“ und 7-12 als (spätere, „apokalyptische“) Visionen. Dabei wird das Thema im Kp. 4 sogar dreimal wörtlich wiederholt: „Damit die Lebenden erkennen, dass der Höchste Gewalt hat über das Königtum der Menschen, und dass er es gibt, wem er will.“ Wie kann man so etwas „übersehen“, das dreimal wörtlich wiederholt wird? Das kann ich nicht verstehen. Da haben nicht alle richtig hingeschaut.

Hat sich Jesus selber „Menschensohn“ genannt?

Jesus wurde in den Griechisch geschriebenen Evangelien mit der semitisierenden Bezeichnung oder dem Titel (übersetzt) „Sohn des Menschen“/dt. „Menschensohn“ bezeichnet. Die Frage ist, ob er sich auch selbst so bezeichnet haben könnte und was diese Bezeichnung bedeutet. Darüber herrscht nach wie vor Konfusion und Unwissen. Die erste Frage wenigstens ist schon längst eindeutig beantwortet, nämlich seit 1896, Hans Lietzmann, „Der Menschensohn“: Ein solcher Titel ist auf Aramäisch schlicht unmöglich. Ein Titel „Mensch“ oder „ich“ (was es im Aramäischen nämlich einfach heisst) ist sinnlos, weil als Titel unverständlich. Als Titel möglich wird erst der seltsame, semitisierende, allzu wörtlich übersetzte Ausdruck „Sohn des Menschen“ im Griechischen.

Jesus hat Aramäisch gesprochen. Ob er auch Griechisch gesprochen hat, wissen wir nicht. Möglich wäre es. Das war damals die Weltsprache wie heute Englisch. Aber sicher hat er sich nicht selber so einen merkwürdigen Titel auf Griechisch gegeben, der im Aramäischen rückübersetzt unverständlich wäre.

Apokalyptik und Eschatologie

Die Apokalyptik hat in der Theologie keinen guten Ruf. Man bezeichnet damit häufig auch bloss die späte Apokalyptik mit der Tendenz zum sog. „Chiliasmus“, die Jahre zum Weltende hin zu betrachten und zu berechnen. Ernsthafte Theologen befassen sich mit solcher Literatur kaum. Man überlässt sie leider damit zur Auslegung hauptsächlich den Strömungen und Sekten, die sich selber auf solche Schriften stützen. Die frühere oder nicht so aufs Weltende fixierte Apokalyptik bezeichnet die Theologie in Abgrenzung dazu lieber mit dem Begriff „Eschatologie“. Natürlich sind sozusagen alle Schriften des Neuen Testaments „eschatologische“ Schriften, keine Frage. Nur hilft eine solche Abgrenzung zwischen Eschatologie und Apokalyptik weder das Eine noch das Andere zu verstehen, sondern es verschleiert das Verständnis eher für beides. Im Buch Daniel kommen selber schon beide Tendenzen vor. Die Entwicklung wird schon da sichtbar. Es gibt verschiedene Arten von „Eschatologie“. Als Unterscheidungskriterium und Abgrenzung zur Apokalyptik eignet sich die Art der Eschatologie aber nicht.

Was ist Apokalyptik?

Die Apokalyptik hat vor allem zwei Wurzeln: Die Prophetie und die Weisheit(-sliteratur). Bei den apokalyptischen Schriften fällt auf, dass sie sehr viele Zitate aus anderen Werken enthalten. Das ist bei der Apokalypse Johannis, der Offenbarung des Johannes, gut zu sehen, weil da die Zitate aus der Bibel natürlich bekannt sind (in gewissen Bibelausgaben fett gedruckt, oder im Parallelstellenregister ersichtlich). Die Werke sind oft sorgfältig strukturierte und gestaltete Kompilationen aus älteren Texten oder Überlieferungen. Das macht sie für die klassische Literarkritik zu „schwierigen Kunden“. Natürlich findet man jede Menge „literarischer Brüche“ und kann x-beliebige Teile als „redaktionell“, „unecht“ oder „spätere Hinzufügung“ ausscheiden und sich so quasi „nach Belieben“ ein Teil des Werks auswählen, das man noch zu akzeptieren bereit wäre. Ein solches Vorgehen dürfte diesen Werken aber generell nicht gerecht werden. Natürlich gibt es auch bei apokalyptischen Werken spätere Hinzufügungen und Redaktionen. Sie richtig zu erkennen ist aber schwieriger als bei andern Literaturgattungen.

Das Hauptthema im Danielbuch und in der Apokalyptik

Das ursprüngliche und durchgehende Hauptthema der Apokalyptik ist die Frage der Herrschaft, der Herrschaft in dieser Welt und der Herrschaft in der kommenden Welt. Mit der Zeit verschiebt sich das Hauptgewicht mehr auf das Zweite, aber nicht immer und nicht generell. Zur Hauptsache ist die Apokalyptik damit nämlich Kritik an den herrschenden Zuständen und vor allem an der Weltherrschaft und den Herrschenden selber. Es ist Gesellschafts- und Herrschaftskritik. Das könnte auch ein Grund sein, warum man sie kirchlicherseits lieber nicht so ernst nehmen möchte ...

Auch Jesus ein Apokalyptiker

Ich behaupte unverfroren: Jesus war ein Apokalyptiker. Und dass man ihn dann später, im Nachhinein, indirekt auch mit dem Buch Daniel und speziell mit Dan. 7,13 („einer wie ein Mensch kommt mit den Wolken des Himmels“ – bei der Himmelfahrt entschwindet er so; der aramäische Ausdruck für „Mensch“ allzu wörtlich übersetzt: „Sohn des Menschen“) in Beziehung gebracht hat, ist also nicht ganz unberechtigt.

Die Frage der Macht und der Herrschaft war für Jesus zentral, natürlich auf dem Hintergrund seiner „Eschatologie“ und seiner Botschaft vom „Reich Gottes“. Seine Kritik an der Herrschaft der Herrschenden war zwar friedlich, aber durchaus fundamental und für diese gefährlich. Wohl hat ihn der Sanhedrin vordergründig wegen Gotteslästerung und Hybris angeklagt. Pilatus hat die Sache, um die es in seiner Optik ging, aber durchaus richtig verstanden, als er gesagt hat: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“ – Iesus Nazarenus Rex Judaeorum. Vor allem deshalb ist er am Kreuz gestorben. Es ist ihm eben nicht primär um die private Frömmigkeit des Einzelnen gegangen, wie man es ihm aus heutiger Sicht gerne unterstellen möchte.

Menschensohn und Gottessohn

Für gewöhnlich nehmen die Ausleger und theologischen Interpreten der Bibel die Bezeichnungen Jesu als „Menschensohn“ und als „Gottessohn“ folgendermassen wahr: „Menschensohn“ soll die Menschheit und Menschlichkeit Jesu darstellen und seine Bezeichnung als „Gottessohn“ seine „Gottessohnschaft“, seine Göttlichkeit, „gezeugt vom Heiligen Geist“.

Meiner Ansicht nach ist es auf der Ebene von Jesus und im Rahmen seiner Mutter- und Landessprache Aramäisch/Hebräisch wenn schon gerade umgekehrt, wobei wie gesagt eine Bezeichnung „Menschensohn“ auf dieser Ebene gar nicht möglich ist.

Als Jesus von Johannes im Jordan getauft wurde – der Mensch Jesus, erging doch eine „bat kol“ eine Stimme aus dem Himmel, die sagte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Mk. 1,11), nach andern alten Textzeugen bei Lk.: „... heute habe ich dich gezeugt“. Auch der König Israels konnte nach Ps. 2,7 und 89,28 offenbar „Sohn Gottes“ genannt werden, zu verstehen wohl als Genitivus constructus wie in semitischen Sprachen häufig: Sohn der Wüste, der Wahrhaftigkeit oder Tochter der Berge. Da ist immer ein Mensch gemeint mit einer ganz besonderen Beziehung zu ... eben z.B. zu Gott. Auf der Aramäisch-Hebräischen Sprachebene ist es für mich undenkbar, dass sich einer selbst oder andere ihn wirklich als Gottessohn im Sinne eines Genitivus absolutus bezeichnen konnten. Auf der Sprachebene des Griechischen, für einen Hellenen, ist es dann umgekehrt ganz selbstverständlich, einen solchen, übersetzten Semitismus, ontologisch zu verstehen als „Gottessohn“ mindestens wie Achilles und umgekehrt den übersetzten Semitismus „Menschensohn“ zu verstehen als ein Mensch.

In der Bibel begleiten „die Wolken des Himmels“ aber immer eine verhüllte Präsenz oder Erscheinung Gottes in der Welt, so auch in Dan. 7,13, wo „einer WIE ein Mensch“ so kommt oder bei Apg. 1,9.11 wo ER so geht ... und seine Wiederkunft so angekündigt wird. Da ist seine Zugehörigkeit zum Himmel oder seine irdische Präsenz als eine Einwohnung Gottes angetönt. Da ist wohl die „präsentische Eschatologie“ Jesu, wie sie z.B. Joh. 14, 1-4 und in den Kp. 14-16 zum Ausdruck kommt bildhaft oder visionär etwas auf die Spitze getrieben, vermutlich auch von „gnostisch“-hellenistischem Denken mit beeinflusst.

Also beides, das übliche, verbreitete Verständnis von „Gottessohn“ und von „Menschensohn“ dürfte so erst nachträglich im Griechischen Sprachraum entstanden sein und nicht auf der ursprünglichen Ebene bei Jesus oder im aramäisch-judäischen Raum. Anders gesagt: Das ist spätere, christliche Theologie.