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Fragen zu Religion und Glaube

 

Im Alltag treffen wir oft auf Fragen zum Glauben, zur Kirche oder zum Christentum. Oft sind die Meinungen dazu wenig durchdacht. Ich versuche hier in loser Folge zu solchen Fragen Stellung zu nehmen und damit Denkanstösse zu geben.

Warum Menschen Christen werden

Im GEO 09/2017 lese ich auf Seite 78 im Artikel über das Lepra-Internierungslager auf der Insel Oshima:

Nur etwa ein Prozent der Japaner sind Christen, aber unter den Leprakranken ist es fast ein Drittel. Die Botschaft, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, erreicht sie. Auch Kiyoshi Wakibayashi hat konvertiert. Er sagt: „Der Glaube hat alles verändert. Ich konnte mich von meiner Angst befreien und wieder Hoffnung spüren“.

Diese Aussagen, die Entdeckung, dass vor dem Gott der Bibel alle Menschen gleich sind – auch Leprakranke, und dass der Glaube eine Befreiung von der Angst mit sich bringt und dem Leben eine Perspektive der Hoffnung eröffnet, sind sehr typisch für Menschen aus andern Kulturkreisen als dem europäisch-nordamerikanischen, die selber zum christlichen Glauben gefunden haben.

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Ist das Christentum DIE Religion der Liebe?

Eine Kollegin kommt sozusagen in jeder Predigt auf die "grenzenlose Liebe Gottes" zu reden, um die alles gehe. - Dass das Christentum die Religion der Liebe oder der Nächstenliebe sei, das ist sozusagen „common sense“., das sagen alle. Fragt sich nur, ob das so auch stimmt. Auch die Leserbriefschreiberin von oben spricht von ihrer Hoffnung auf die Liebe, die empfangen und geschützt werden müsse und die doch immer verletzlich bleibe und Heimat brauche. Darin besteht offenbar zur Hauptsache auch ihr Glaube.

Ich denke, auf die Liebe hofft so ziemlich jeder Mensch auf Erden. Das als DIE christliche Botschaft auszugeben, ist irreführend. Für diese Botschaft wird auch niemand verfolgt, verurteilt und hingerichtet – unter keiner einigermassen vernünftigen Rechtsordnung der Welt. Für diese Botschaft hätte also auch Jesus sicher nicht zu sterben brauchen. Das ist allenfalls eine individualistisch-psychologisch verkürzte und auf die Spiritualität westlicher Menschen am Anfang des dritten Jahrtausends angepasste Botschaft. Die Botschaft Jesu war nicht so harmlos.

Von der Liebe als Gebot hat Jesus im Übrigen wenig gesprochen. Einmal zitierte er aus seiner Bibel, dem Alten Testament: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst“. In der Bergpredigt sagt er: „Liebet eure Feinde und bittet für die, welche euch verfolgen!“ Einen grösseren Stellenwert nimmt das Stichwort Liebe erst im späteren, johanneischen Schrifttum ein. Aber auch dort keineswegs im Sinn einer heutigen Spiritualität der Liebe.

Etwa 40-mal ist hingegen allein im Matthäusevangelium vom Königtum oder vom Reich der Himmel oder dem Königtum Gottes die Rede, welches in einer grossen Spannung steht zum irdischen Königtum der Menschen. Diese frohe Botschaft vom Reich Gottes hat Jesus seinen Zeitgenossen in allen Facetten erläutert und verkündet – schon auch eine Hoffnung und eine Lebenshilfe, nicht zuletzt aber auch eine politische Botschaft eben von einem Königtum, das in Spannung steht zu jedem irdischen Königtum. Und für diese gesellschafts- und weltpolitische Seite der Botschaft ist Jesus in Konsequenz ans Kreuz gegangen.

Das ist natürlich auch heute noch eine spannende Sache, diese Botschaft auszurichten und nicht ungefährlich, nicht einmal bei uns; in andern Weltgegenden nach wie vor lebensgefährlich. Und ja, da wäre viel mehr christliche Solidarität gefordert, mittragen, mitleiden und nicht verschweigen in falsch verstandener „political correctness“. Es ist sein Leib, dem alle angehören, die ihm nachfolgen, der auch heute weiter verfolgt und gekreuzigt wird – nebst vielen weiteren Gräueln, die von ruchlosen Menschen dauernd begangen werden. Natürlich entspricht das auch nicht der Liebe, schon gar nicht der christlichen, aber auch nicht der muslimischen oder der hinduistischen oder buddhistischen oder einfach der menschlichen. 

Der Beruf soll für die Pfarrpersonen eine Berufung sein

Die Aargauer Zeitung brachte am 24. Dezember 2016 ein Gespräch mit zwei jungen Pfarrern. Eine Leserbriefschreiberin reagierte darauf kritisch. Sie spürte bei ihnen zu wenig Berufung für diesen Beruf heraus. Was könnte sie mit der "Berufung" genau meinen? Von einer Pfarrperson erwartet sie zusätzlich oder hauptsächlich eine "Berufung".

 Berufen tut nach reformierter Sicht eigentlich die Gemeinde. Konkret beruft die Kirche ihre Pfarrpersonen durch die Ordination zum „Dienst am Wort Gottes“. Die ordinierten Pfarrpersonen versprechen dabei, die Frohe Botschaft von Jesus Christus gemäss der Heiligen Schrift zu lehren und zu verkündigen. Was die Leserbriefschreiberin aber von den Pfarrpersonen eigentlich erwartet und detailliert beschreibt, entspricht diesem Grundauftrag höchstens von ferne. Das ist so nirgends im Zusammenhang mit der Botschaft Jesu in der Bibel und auch in keiner Kirchenordnung enthalten, wo die Aufgaben der Pfarrer im Wesentlichen verbindlich umschrieben werden.

Ich will damit sagen: Vielleicht sollten die kritischen Leute ihre eigenen Bedürfnisse und Erwartungen der Kirche und ihrer Beauftragten gegenüber auch einmal so kritisch unter die Lupe nehmen wie umgekehrt deren Äusserungen.